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„Nicht nur die Fernseh-Tine“

Im Interview spricht TV-Moderatorin Tine Wittler über ihr neues Buch, für das sie in Afrika den mauretanischen Schönheitsidealen auf den Grund ging. Ein ernstes Thema.

Tine Wittler kennen Millionen als RTL-Wohnexpertin. Die 38-Jährige beschwert sich schon lange nicht mehr darüber, wenn sie deshalb als „dick im Geschäft“ bezeichnet wird. Schließlich ist sie parallel zu ihrem TV-Job auch Unternehmerin, Wirtin und Buchautorin. Ihr Reisebericht „Wer schön sein will, muss reisen“ erscheint heute im Scherz-Verlag.

Während ihres Trips besuchte Wittler mauretanische Frauen. Dabei begleitete sie ein Freund mit Videokamera. Das mauretanische Schönheitsideal unterscheidet sich vom westlichen: Wittler fand Frauen, die sich mästen lassen oder lebensbedrohliche Medikamente einnehmen – nur um dicker und damit „schöner“ zu werden. Dabei lernen die Leser auch die TV-Persönlichkeit Tine Wittler anders kennen.

Frau Wittler, Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass ein Internetnutzer herausgefunden hat, warum Sie in Ihrer RTL-Sendung immer Handschuhe tragen: Der Grund sei, dass Sie „ganz schlimme“ Warzen hätten. Haben Sie sich ertappt gefühlt?

Ertappt wobei? Nein, ich habe mich nur wie schon öfter gewundert, was andere Leute alles über mich zu wissen glauben – sogar Dinge, die mir selbst noch gar nicht bekannt waren.

Das Buch zeigt auch eine sehr nachdenkliche Tine, die sich zum Beispiel die Kommentare der User zu ihrer Person durchliest und danach auch mal mit Selbstzweifeln sitzen bleibt. Täuscht das Bild der taffen Fernseh-Frau?

Sie sagen es schon richtig, das Bild der „taffen Fernseh-Frau“ ist eben – nur – eines: Ein Bild. Jeder Mensch aber hat ja unterschiedliche Bilder, spielt unterschiedliche Rollen, hat gute und schlechte Tage, verschiedene Seiten. Das gehört zum Menschsein dazu. Selbstverständlich gibt es einen Unterschied zwischen der „Fernseh-Tine“ und der privaten Tine Wittler. Das ist auch absolut notwendig, um sich weiterzuentwickeln – jede Seite kann ja zum Beispiel von der anderen lernen. Dennoch halte ich komplette Deckungsgleichheit hier weder für erstrebenswert noch für notwendig. Das Showgeschäft ist das Showgeschäft – und mein Leben ist mein Leben. Diese beiden Seiten sind zwar bis zu einem gewissen Grad miteinander verwoben, aber sie sind keine identischen Kopien voneinander.

Sie haben Ihre Reise sorgfältig vorbereitet. Wie haben die Menschen dort auf Sie als Journalistin reagiert?

Es versetzt einem, glaube ich, immer zunächst einen kleinen Schock, wenn man ein Land bereist, in dem nicht nur in Sachen Schönheitsideal, sondern auch in Sachen Wohlstand oder Alltag ganz andere Maßstäbe herrschen. Die Reaktionen auf meine Fragen waren aber fast durchweg positiv. Ich habe erstaunlich offene Antworten erhalten und auch Dinge erfahren, die mich sehr überrascht haben. Zum Beispiel, wie stark und stolz die mauretanischen Frauen sind – obwohl sie in ihrem Land vor dem Gesetz sehr benachteiligt sind.

In Mauretanien gibt es ja viele Probleme, die wir uns in Europa kaum vorstellen können. Glauben Sie, dass die deutschen Medien zu wenig über die Zustände in solchen Ländern berichten?

Mauretanien findet tatsächlich in den deutschen Medien so gut wie gar nicht statt. Informationen über das Land habe ich oft aus spanischen oder französischen Medien beziehen müssen. Auch weiß allein mit dem Namen „Mauretanien“ kaum jemand etwas anzufangen – manche Leute verwechseln das Land gar mit Mauritius. Dabei ist es gar nicht so weit entfernt und liegt geografisch im Umfeld touristisch durchaus erschlossener Reiseziele wie Marokko oder Tunesien.

Sie waren in einer mauretanischen Talkshow zu Gast. War das für Sie als Fernsehmoderatorin Routine?

Nein, das war absolut keine Routine. Die Aufzeichnung hat am Ende meiner Reise stattgefunden. Die Moderatorin der Sendung wollte also von mir erfragen, was ich während meiner Reise gelernt habe. Es war nicht einfach, dies alles verständlich wiederzugeben, denn alle Eindrücke waren noch sehr frisch, sehr präsent und noch nicht so sehr geordnet. Aber ich habe mein Bestes zu geben versucht und hoffe, dass ich den Zuschauern klarmachen konnte, was mir der Besuch in ihrem wunderbaren Land bedeutet hat.

Sie sagen: „Wer schön sein will, muss reisen.“ Doch nach und nach lernen Sie die Schattenseiten des mauretanischen Schönheitsideals auch am eigenen Leib kennen. Hätten Sie nicht ein anderes Fazit ziehen müssen?

Der Titel „Wer schön sein will, muss reisen“ ist nach meiner Reise entstanden. Denn er beinhaltet genau das, was ich durch diese Reise erfahren habe: Wer an Kraft und Selbstbewusstsein gewinnen will, wer lernen und Erkenntnisse gewinnen will, der muss sich auf Reisen begeben, seine eigenen Grenzen sprengen und sich auf den Weg machen, Neues kennenzulernen. Mit „schön“ meine ich also mitnichten ausschließlich das Äußere! Die Offenheit gegenüber fremden Menschen und Kulturen; die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu blicken und zu lernen, dass die Maßstäbe, mit denen jeder von uns aufwächst, nur relative Maßstäbe sind, die nicht überall Geltung haben. Und zu erkennen, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich diese Maßstäbe auch für mich selbst anlege: Ich glaube, das ist es, was einen Menschen letztendlich schön macht.

Was nehmen Sie von der Reise für Ihre weitere Arbeit mit?

Derzeit arbeiten wir daran, aus dem in Mauretanien gedrehten Material einen Film zu machen – eine spannende, intensive Aufgabe. Insofern habe ich auch jetzt noch tagtäglich mit meiner Reise zu tun. Nicht nur wegen dieser Arbeit, sondern weil die Veränderungen, die ich durch diese Reise erfahren habe, auch das ganze Leben danach beeinflussen. Ich hoffe, dass dieser Einfluss weiter bestehen bleibt und nicht irgendwann durch den Alltag nach der Rückkehr in das alte Leben zu verblassen droht.

Wann soll Ihr Mauretanien-Film veröffentlicht werden?

Es wird ein 90-minütiger Dokumentarfilm. Wir arbeiten derzeit am Schnitt, können aber noch nicht sagen, ob, wann und in welcher Form eine Veröffentlichung stattfinden wird.

Das Interview führte Marcel Fröbe. Es erschien am 23. Februar 2012 auf medienMITTWEIDA.